Saisonrückblick 2020

2019 war das beste Laufjahr meines Lebens. Die Formkurve stieg und ich verbesserte mich auf allen Distanzen. Es lief sehr gut, schon fast zu gut. Für 2020 hatte ich mir viel vorgenommen. Aber dann kam alles anders.

Im Februar rannte ich meine letzten Wettkämpfe. Bei der Schlammschlacht in Jügesheim verbesserte ich meine Bestzeit über 10 KM (35:50min) und gewann wenige Wochen Später die Langstrecke des Crosslaufs im Rheingau-Stadion.

Anfang März rätselte ich noch mit Katrin und Daniel im Interview für den beVegt-Podcast, ob der Frankfurter Halbmarathon stattfinden würde. Er fand statt – als eine der letzten großen Laufveranstaltungen des Jahres.

Das Coronavirus breitete sich zu diesem Zeitpunkt über Deutschland und Europa aus. Wettkämpfe wurden zwei Wochen nach unserem Gespräch abgesagt und Sportstätten geschlossen.

In den folgenden Wochen etablierten sich virtuelle Wettkämpfe. Im Rahmen der Anti-Corona-Running-League rannte ich am Rheinufer meine bisher schnellsten zehn Kilometer.

Die Form halten, weiter trainieren und gesund bleiben. Das waren die Grundsätze, nach denen ich meine Trainingswochen im April ausrichtete. Vielleicht würde es im Herbst wieder Wettkämpfe geben. Den Marathon in Amsterdam im Oktober hatte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht abgeschrieben.

Für mehr Abwechslung im Training und auch als Ersatz für unseren Smart, kaufte ich im Mai ein Rennrad. Damals wusste ich noch nicht, wie dankbar ich im weiteren Verlauf des Jahres über diese Entscheidung sein würde.

Im Juni steckte mich Markus mit dem FKT-Fieber an.

The best routes: what are they, who did them, and how fast?

Der Rheingauer Klostersteig war – als regionales Highlight – eine sehr schöne erste „Grenzerfahrung“. Unsere Zeit (2h 18min) wurde bereits nach sechs Tagen um nur 35s unterboten. Dieser Rekord von Matthias Krah führt bis heute die Bestenliste an.

Der Rheingau hat so viel zu bieten, besonders im Bereich Trail Running. Das wurde mir in dieser Zeit besonders bewusst.

Spontan nutzte ich einen Familienbesuch in der alten Heimat am ersten Wochenende im Juli für eine neue FKT auf dem Wasserkuppenrundweg.

Und wenige Wochen später rannten Robert, Markus und ich den Wispertaunussteig. Das sollte die letzte läuferische Herausforderung des Jahres für mich werden. Natürlich wusste ich das zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Im August verbrachten wir zwei Wochen mit der Familie in einem Ferienhaus an der einsamen Westküste der Normandie.

(Das ist leider nicht unser Ferienhaus, sondern eine einsame Ruine am Cap de Carteret)

Am Tag vor der Fahrt in den Urlaub war meine Motivation zu Laufen praktisch nicht vorhanden. Es war heiß, schon sehr früh am Morgen. Und ich mag diese Hitze einfach nicht.

Es würde in diesem Jahr keine Wettkämpfe mehr geben. Keine neuen Bestzeiten, keinen Marathon in Amsterdam.

Ich hatte meine läuferischen Ziele verloren und dabei vergessen, dass es nicht immer nur um neue Bestzeiten geht.

Ein harter langer Lauf stand an diesem letzten Tag vor dem Urlaub auf dem Trainingsplan (30km incl. 10 x 1km). Ich weiß noch, dass ich mich bereits während des Einlaufens schwer und unmotiviert fühlte. Die Leichtigkeit, mit der ich noch vor wenigen Wochen über hügelige Trails gelaufen bin, war verschwunden.

„Stell dir vor du wärst verletzt, dann gäbe es nichts besseres als laufen zu können.“

Das schrieb mir Markus während ich nach wenigen Kilometern auf einer Bank am Rheinufer eine Pause machte, auf das Wasser blickte und darüber nachdachte umzukehren und nach Hause zu laufen. Und er hatte ja recht. Also raffte ich mich auf und lief.

Während einer der letzten schnellen Abschnitte spürte ich zum ersten Mal einen leichten Schmerz im rechten Fuß. Ich kannte dieses Gefühl nicht. Bis nach Hause war es nicht mehr weit. Deshalb blendete ich es aus und rannte weiter. Zuhause war ich glücklich, nicht aufgegeben zu haben.

Im Urlaub spürte ich wenige Tage später beim nächsten Lauf diesen Schmerz im rechten Fuß erneut. Ein unangenehmes Stechen an der Fußsohle.

Ich dachte über eine Laufpause nach, fand aber zu viele Gründe, nicht nicht zu laufen. Die Gewohnheit, neue Segmente am Urlaubsort, das wöchentliche Entfernungsziel, der Trainingsplan…

Ich reduzierte den Trainingsumfang, zog Ruhetage vor und rannte bevorzugt auf weichem Untergrund. Und die Schmerzen wurden etwas besser.

Deshalb startete ich nach diesen zwei Entlastungswochen wieder voll durch. Schließlich fühlte sich ja alles wieder besser an.

„Es ist leider die Ignoranz, das Training nicht sofort beim ersten Schmerz zu stoppen. (…) Wenn es an einer Sehne weh tut, ist das kein Muskelkater, dann muss man aufhören. Innerhalb einer drittel Einheit kann es zu einer Verletzung kommen, die einem 2-3 Wochen Laufverbot beschert. Und wenn man dann noch weitere Einheiten trainiert, kann es sein, dass man 3-4 Monate nicht trainieren darf.“

(Dr. Paul Schmidt-Hellinger im ACHILLES RUNNING Podcast)

Diese Folge habe ich leider erst vor wenigen Wochen gehört. Danke trotzdem Paul! In wenigen Sätzen hast du meine Fehler auf den Punkt gebracht. Ich habe den Schmerz gespürt. Ich wusste, dass da etwas nicht stimmt. Aber ich habe es nicht ernst genommen.

So richtig zerstörte mich in der zweiten Woche nach dem Urlaub (ich war überzeugt, der reduzierte Umfang hätte ausgereicht, um mich wieder auf Kurs zu bringen) ein Intervalltraining auf der Bahn. Nach der sechsten Wiederholungen konnte ich keine Kurve mehr ohne starke Schmerzen laufen. Also brach ich die Trainingseinheit ab.

Endlich, leider aber viel zu spät.

Verletzungspause

Klarheit über meinen Zustand brachte eine MRT Untersuchung im September.

„partiell rupturierte Plantarfasziitis“

Meine Sehnenplatte ist entzündet und kleine Risse sind erkennbar. Die Verletzung ist nicht schwer und muss nicht operiert werden. Im Alltag habe ich keine Probleme. Heilung durch Schonung ist die Devise. Aber anstatt zwei Wochen pausiere ich inzwischen seit über zwei Monaten.

Die Einrisse verdanke ich den Einheiten, die ich nach Auftreten des ersten Schmerzes noch durchgezogen habe.


Katrin und Daniel haben auf ihrem Blog (beVegt.de) alle wichtigen Informationen zur Plantarfasziitis gut zusammengefasst. Leseempfehlung!


Mein letzter Lauf in diesem Jahr war am 20. September. Es wird der letzte bleiben. Ich werde erst wieder laufen, wenn wirklich alles verheilt ist.

Zu Gunsten des Trainingsplans habe ich die eindeutigen Signale viel zu lange ignoriert und verharmlost. Dass ich mit diesem Verhalten alles nur viel schlimmer gemacht habe, ist mir zu spät bewusst geworden.

Keine neue Bestzeit, keine neue FKT und kein neuer CR auf Strava.

In diesem außergewöhnlichen Jahr habe ich gelernt, dass es weniger auf neue Bestzeiten, FKT‘s und CR‘s auf Strava ankommt. Es ist ein großes Privileg unbeschwert und schmerzfrei laufen zu können. Und es ist alles andere, als selbstverständlich.

Jetzt gerade während meiner Zwangspause fehlt mir nicht der Blick in die Bestenlisten, sondern das Gefühl, das ich in den letzten Jahren immer wieder bei Temperaturen um den Gefrierpunkt im Rheingaugebirge auf einsamen, kleinen Trails hatte.

Wenn ich mit dem Rennrad ins Wispertal fahre und den Abzweig zum Hofgut Mappen passiere, erinnere ich mich an die schönen Läufe, an die Ruhe und die Abgeschiedenheit dort oben.

Ich liebe es, besonders in dieser kalten und grauen Zeit, draußen zu sein und zu laufen.

Ausblick

Durch diese wichtige Erfahrung werde ich gestärkt und zuversichtlich, die Verletzung bald hinter mir zu lassen, in das neue Jahr starten.

Die Formkurve hat dank einiger schöner, langer Ausfahrten mit dem Rennrad auch nicht zu sehr gelitten.

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